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28.10.2020

Kinderarmut ist ein zentrales Entwicklungsrisiko

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Von: Valentin Persau

Für die AWO bedeutet Freiheit, selbstbestimmt und menschenwürdig zu leben. Damit jeder Mensch seine individuellen Fähigkeiten entfalten kann, braucht er soziale und materielle Sicherheit. Kinderarmut hingegen ist ein zentrales Entwicklungsrisiko und schränkt die langfristigen Lebenschancen auf vielschichtige und komplexe Weise ein. Es darf nicht länger hingenommen werden, dass weiterhin jedes fünfte Kind in Deutschland von Armut betroffen ist. Die Politik ist aufgefordert, wirksame Maßnahmen auf den Weg zu bringen, auch mit Blick auf die Coronakrise.

Hinter dem seit Jahren gültigen Befund, dass etwa jedes fünfte Kind von Armut betroffen oder bedroht ist, stehen statistische Kennzahlen wie die relative Armutsrisikoquote oder der Transferleistungsbezug.

Die Armutsforschung ermöglicht uns hingegen einen Blick hinter die Statistik. Denn ein struktureller Mangel an Geld ist häufig nur der Ausgangspunkt für häufig komplexe und vielschichtige Armutsfolgen, die auf verschiedene Lebensbereiche, sog. Lebenslagendimensionen, ausstrahlen.

Im Ergebnis bestehen etwa ein hoher Zusammenhang von sozialer Herkunft und dem Bildungserfolg, Einschränkungen bei der sozialen und kulturellen Teilhabe sowie langfristige Risiken für die Gesundheit. Auch Jahre später, im jungen Erwachsenenalter, bleiben Armutsfolgen aus der Kindheit häufig bestehen.

Wie die aktuelle AWO-ISS-Langzeitstudie (2019) ergeben hat, berichten junge Erwachsene mit Armutserfahrung häufiger von Hürden bei der ökonomischen Verselbstständigung, von Schwierigkeiten bei der Arbeitsmarktintegration, von Unsicherheiten in verschiedenen Bereichen ihrer Lebensführung, von gesundheitlichen Problemen und von belasteten familiären und sozialen Beziehungen. Die Coronakrise hat viele der genannten Benachteiligungen noch einmal verschärft und gleichzeitig Möglichkeiten der Intervention durch soziale Arbeit begrenzt.

Vor dem Hintergrund dieser Lebenslagen- und Lebensverlaufsperspektive spricht aus Sicht der AWO einiges dafür, den sozialpolitischen Fokus vermehrt auf eine nachhaltige Armutsprävention zu legen, anstatt die vielfältigen Armutssymptome nur nachträglich zu bekämpfen. Ein lange überfälliger Meilenstein wäre eine Kindergrundsicherung, die die materiellen Voraussetzungen dafür schaffen würde, dass nicht nur das physische Existenzminimum gesichert ist, sondern auch soziokulturelle Teilhabe stärker gefördert wird. Die Idee der Kindergrundsicherung findet nach jahrelangem Engagement der AWO und vieler anderer Verbände immer breiteren Zuspruch in der Politik.

Neben der materiellen Dimension muss aber auch die soziale Infrastruktur in den Kommunen gestärkt und ausgebaut werden. Alle jungen Menschen und ihre Familien brauchen unabhängig von ihren finanziellen Möglichkeiten und ihres Wohnortes gute Angebote der Daseinsvorsorge für ganz unterschiedliche Lebenslagen und Lebensphasen. Auch die digitale Teilhabe für Schüler*innen muss flächendeckend gewährleistet werden, um benachteiligte Kinder bei der Bildung nicht noch weiter abzuhängen. Die für die genannten Vorhaben notwendigen fiskalischen Mittel müssen trotz Corona auch in den kommenden Jahren verlässlich zur Verfügung stehen. Ansonsten werden sich Armut und Ungleichheit in den kommenden Jahren weiter verschärfen.

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